Leseprobe "Kaffeefahrt ins Paradies"
Eigentlich hatte ich mir geschworen, nie mehr mitzufahren. Ich war ein gebranntes Kind.
Eine der früheren Reisen sollte uns in den frühlingshaften Spreewald bringen. Doch in dem Kaff, wo wir hielten, war im ganzen Umkreis weder ein Zipfel der Spree noch auch nur ein einziger Baum zu erspähen. Und da auch weit und breit keine Bahn oder Bus oder auch kein weiteres, etwas gemütlicheres Restaurant vorhanden war, in das man sich hätte flüchten können, blieb man in dem unwirtlichen Saal, in den man uns verfrachtet hatte, dem Werbesprecher und seinem stundenlangen Redefluß ausgeliefert, bis man sich endlich, völlig entnervt, zum Kauf einer seiner angeblich so preiswerten Lammfelldecken oder Massage- Betten entschloß, die man dann anderntags in ganz derselben Verpackung, aber um Hunderte billiger, in den Kaufhäusern liegen sah. Auch eine der so beliebten „Schnäppchen-Fahrten“ zum Polenmarkt erwies sich als Flop. Denn da unser Fahrer gehalten war, sein Gefährt auf dem diesseitigen Parkplatz abzustellen, drangen wir in das polnische Nachbarland gar nicht erst vor, weil der uns empfohlenen Fußweg über die lange Brücke nach Polen für die meisten Teilnehmer viel zu beschwerlich war. Einigen gelang es gerade noch, sich bis zu dem nahen Cafe zu schleppen, wo sie die Stunden bis zur festgesetzten Rückfahrt bei Torte und Schlagsahne hinter sich brachten. Die übrigen blieben im Bus oder „lustwandelten“, falls sie den unbezwinglichen Drang verspürten, ein wenig Luft zu schnappen, zwischen den zahlreichen Lastwagen, die den Parkplatz blockierten.
Doch diesmal würde ja alles ganz anders sein. Zu einem „Badischen Weinfest“ wurde geladen, mit Herbst-Tombola (im Februar), einem „original badischen Winzeressen“ mit Weinprobe, der Wahl einer Weinkönigin und mehreren Litern Wein „nach Ihrem Geschmack“. Zusätzlich hieß es weiter“, erhalten Sie, Frau B., das schmackhafte Winzerwurstpaket, insgesamt 2250 g feinster Delikatessen“ – alles im Fahrpreis einbegriffen. Am Nachmittag sollte der Ausflug „mit herrlicher Landschaftsfahrt“ enden. Doch nicht genug damit: Als Clou war der Einladung ein Scheck in Höhe von 250,- DM beigegeben, ausgestellt auf meinen Namen! Leider habe man mich telefonisch nicht erreichen können, hieß es in dem Begleitschreiben, um mir die frohe Kunde – Vorfreude sei bekanntlich die beste Freude – zu melden. Daher den „herzlichen Glückwunsch nun auf diesem Wege, mit der Versicherung, daß man mich, die Gewinnerin, auf diesem badischen Weinfest ganz besonders umhegen und verwöhnen werde! Konnte ich da noch widerstehen? Flugs buchte ich meinen Busplatz, tat aus Angst, den frühen Termin zu verschlafen, in der dem Ereignis vorangehenden Nacht kein Auge zu, stand dann aber pünktlich um sechs Uhr früh an der vereinbarten Haltestelle.
Der Bus war schon vollbesetzt. Mit Mühe zwängte ich mich auf den einzigen noch freien Platz neben einem allein reisenden Herrn, der nur unwillig beiseite rückte und sich auch in der Folgezeit als äußerst maulfaul erwies. Sicher war er kein Gewinner, dachte ich mitleidig, und solch Aufbruch zu früher Stunde ist nicht jedermanns Sache. Wohin sollte die Fahrt denn gehen? Nach Bad Saarow vielleicht oder nach Teupitz? Auch der Norden Berlins hat ein verlockendes Umfeld. Doch bevor wir dazu kamen, eine diesbezügliche Frage zu stellen, griff der Fahrer zum Mikrophon, räusperte sich ein paarmal vernehmlich und verkündete dann, daß es heute nach (unverständlich), einem Ort kurz hinter Braunschweig ginge! Und schon setzte er sich wieder ans Steuer und bog nach Süden ab, in Richtung auf die Autobahn. Wir Mitreisenden waren verstummt. Was sollten wir auch sagen? Wenn es dem Reiseveranstalter gefiel, uns das Mittagsmahl und alle sonstigen Gaben in einem 400 km entfernten Ort zu servieren, so hatten wir das hinzunehmen. Mitgefangen, mitgehangen. Wir saßen im Autobus fest, der Schönefeld und Potsdam bereits hinter sich ließ und sich auf Magdeburg zu bewegte, wie den Hinweisschildern am Autobahnrand zu entnehmen war.
Eine junge Frau tauchte plötzlich neben mir auf, sie wollte das Fahrgeld kassieren. Der Maulfaule neben mir zückte den Geldschein. Ich zögerte noch. Konnte man den Betrag nicht von meinem Gewinn abziehen? Die Frau sah mich an, als hätte ich chinesisch gesprochen. Auch die Umsitzenden, die meine Frage gehört hatten, schienen amüsiert. "Wir haben doch alle gewonnen", sagte eine Alte, die vor mir saß, und zum Beweis hielt sie mir ihren Voucher hin, der haargenau dem meinen glich. „Haben Sie nicht das Kleingedruckte gelesen?“ fragte sie. „Nur zu verrechnen mit einem MTF, steht da.“ Sie meinte mich nun genügend unterrichtet zu haben und wandte mir wieder den Rücken zu. Ich aber verstand nicht. Was hieß „MTF“? „Frau!“ ließ sich jetzt sogar der Maulfaule vernehmen. „ Sie müssen eine Reise buchen, eine Mehr-Tages-Reise – compris? Von dem Reisepreis wird ihr Gewinn abgezogen?“ Er schien mich für senil zu halten. Doch inzwischen hatte ich begriffen, und- war ungeheuer erleichtert! Nicht auszudenken, schoß es mir durch den Kopf, wenn der Reisveranstalter die Gewinne an alle vierundvierzig Insassen des Busses hätte auszahlen müssen! Das waren ja zehntausend Mark, die der Busfahrer an seinem Leibe hätte mitführen müssen, alle in kleinen Scheinen – eine verlockende Beute für Männer mit Strumpfmasken, die man nur zu gut aus Krimis vom Fernsehen kennt. Und selbst wenn kein Überfall von außen zu befürchten war – Bankräuber und ähnliche rechneten ja mit größeren Summen -, konnte man der Seriosität aller Mitreisenden sicher sein? Wem durfte man heute noch trauen? Nein, ich war den Veranstaltern für ihre Kopplungs-Idee geradezu dankbar und harrte nun beruhigt aller weiteren Überraschungen.
Die waren zunächst ernüchternd. Nach fünf Stunden Fahrt endlich im „Gasthaus zum Paradies“ gelandet, verspürten wir nur noch den Wunsch, uns den Magen zu füllen. Doch daran war vorläufig nicht zu denken, denn wie uns der Wirt, der zu unserer Begrüßung erschienen war, gerade erklärte, würden wir zunächst eine exquisite Modenschau erleben können - mit Verkauf versteht sich. Die beiden Models, Damen bereits fortgeschrittenen
Alters und mit entsprechender Figur, boten aber nicht nur Röcke und Jacken feil, sondern sie zauberten darüber hinaus immer neue verblüffende Produkte ans Licht, angefangen von Handtaschen, Damenuhren und Fernsehleuchten ( die an Häßlichkeit kaum zu überbieten waren) bis zu Gartenzwergen ( der nächste Frühling kommt bestimmt!) und Sparbüchsen, deren Neuheit darin bestand, daß der Einwurf-Schlitz diesmal nicht am Bauch des Schweinchens, sondern an dem eines lässig dahingestreckten Hündchens angebracht war.
Über alledem verging viel Zeit, und unsere Mägen begannen immer nachdrücklicher zu revoltieren. Einige hatten sich schon, leichenfahl im Gesicht, in die hinteren Räume geschlichen, wo der bewußte Ort zu vermuten war. Doch plötzlich, zu unserer Erlösung, servierte man jedem von uns ein Kännchen Kaffee, und auch leckere Brötchen wurden herumgereicht. Sie waren im Nu vergriffen. „ Sehr aufmerksam!“ lobte meine Tischnachbarin, denn sie ahnte noch nicht, wie teuer sie diese „Aufmerksamkeit“ würde bezahlen müssen. Auch das Mittagessen, das nach Stunden folgte, hatte seinen Preis. Sollte der nicht im Fahrtpreis von 19,90 enthalten sein? Der Wirt wußte davon nichts, und von den Veranstaltern ließ sich hier niemand sehen. Sie erschienen auch später nicht, um uns zum Abschied das versprochenen Wurstpaket (mit Delikatessen) zu überreichen. Ein Mitarbeiter hatte von Hannover aus eigens dazu anreisen sollen. „Wahrscheinlich steckt er noch im Stau“, sagte eines der beiden Models, die sich endlich zu einer Erklärung veranlaßt sah. Doch was war zu tun? Noch langer warten? Inzwischen war Eile geboten. Unser Fahrer hupte schon ungeduldig, er wollte noch vor Mitternacht zu Hause sein. Aber sie habe ja für uns ein Ersatzgeschenk! rief die Modefrau plötzlich, und flugs zog sie aus einem Korb, den irgendwer herbei geschleppt hatte, die Überraschung hervor: für die Damen eine Keksdose (ohne Inhalt) mit dazu passendem Tablett, und die Herren erhielten etwas Undefinierbares zum Basteln, das sich später als ein aus Pappe zusammengesetzter Papierkorb entpuppte.
Damit war unser „Badisches Winzerfest“ zu Ende gegangen. Ohne Weinkönigin und ohne Lotterie; beides hatte man glatt unter den Tisch fallenlassen. Auf der langen Autobahn – Rückfahrt durch die „herrliche Landschaft“ der Börde hatte ich Muße, ein Resümee zu ziehen.
Wir waren geneppt, belogen und betrogen worden. Eigentlich gehörten die Veranstalter vor Gericht gestellt. Sie waren gemeine Betrüger! Aber sahen das meine Mitreisenden ebenso?
Nicht ein einziger von ihnen hatte sich verärgert gezeigt oder gar laut protestiert. Sie hatten das Ganze als willkommene Abwechslung wahrgenommen. Als wir endlich, wirklich gegen Mitternacht, dem Bus entstiegen, hatte ich den Eindruck, daß sie alle, beladen mit ihren Einkäufen, die man ihnen aufgeschwatzt hatte, zufrieden nach Hause trabten. Wieder mal hatten sie einen Tag ihres Rentnerdaseins herum gebracht. Einen Tag näher zum Tod.

